Widdern: Dörnlesgeläut rettet Edelfräulein

Ort ohne Spitznamen, aber mit sagenhafter Geschichte über den Glocken- und Uhrenturm der ehemaligen Burg

Von der einstigen Widderner Burg ist nur noch der kleine Glocken- und Uhrenturm übriggeblieben: das Dörnle. Sein Geläut ist sagenumwoben. Fotos: Archiv/Dirks  
Von der einstigen Widderner Burg ist nur noch der kleine Glocken- und Uhrenturm übriggeblieben: das Dörnle. Sein Geläut ist sagenumwoben. Fotos: Archiv/Dirks  
Widdern ist einzigartig in Württemberg. Immerhin ist die Gemeinde mit ihren nur rund 2000 Einwohnern die kleinste Stadt im Land – und da ist der Ortsteil Unterkessach schon mit eingerechnet. Und sie ist ein Grenzgänger. Denn im Laufe ihrer Geschichte war die Kommune immer mal wieder badisch, mal württembergisch – im Jahr 1820 sogar beides gleichzeitig. Da übernahmen nämlich das Großherzogtum Baden und das Königreich Württemberg die Rechtspflege für den Flecken im Wechsel.
       
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Unauffällig

Dessen Bewohner jedenfalls scheinen über die Jahrhunderte hinweg zufrieden und unauffällig ihr Leben in der Stadt gefristet zu haben. Noch nicht einmal Spitznamen für die Widderner sind überliefert.

Und selbst der Name, den die Stadt trägt, geht keineswegs wie zu vermuten wäre auf das gehörnte Tier zurück, das noch heute das Wappen ziert, sondern auf einen Mann namens Wittero.

Witterheim

Der hatte sich wohl um das Jahr 500 nach Christus zusammen mit seiner Sippe im Mündungsbereich der Kessach in die Jagst niedergelassen und so als erster das heutige Gemeindegebiet besiedelt. Urkundlich erstmals erwähnt wurde Widdern 774 im Lorscher Codex – damals noch als Witterheim. Der heute eingemeindete Ort Unterkessach fand 976 in einer Urkunde Kaiser Ottos II. seine erste Erwähnung. Über die frühe Geschichte ist wenig bekannt. Im 13. Jahrhundert aber erhielt der Ort das Stadt- und Marktrecht. Zu dieser Zeit thronte hoch über der Stadt bereits eine trutzige Burg – vermutlich erbaut vom Grafen von Lauffen. Bis zum 15. Jahrhundert hatte das Bauwerk mehrfach den Besitzer gewechselt.

Totalzerstört

Damals gehörte sie Philipp von Heinrieth. Der hatte dort den beiden Raubrittern Walter von Urbach und Ulrich von Helfenstein Unterschlupf gewährt, worauf Burg und Stadt am 29. Juni 1458 von Graf Ulrich von Württemberg im Bund mit dem brandenburgischen Marktgrafen Albrecht Achilles total zerstört wurden. Die Burg selbst wurde nie wieder aufgebaut. Was aber von ihr bis heute erhalten geblieben ist, das ist das Dörnle – ein Uhren- und Glockenturm von sagenhafter Bedeutung.

Heimatdichter Jehle

Das Dörnle ist ein kleines Bauwerk mit großer Vergangenheit. Bis 1998 war der Turm ununterbrochen von Wächterfamilien bewohnt. Ihre Aufgabe war es, bei Sturm oder Feuer die Glocke zu läuten und die Turmuhr aufzuziehen. Dafür hatten sie kostenloses Wohnrecht. Mit der Geschichte des Gebäudes beschäftigte sich Heimatdichter Ludwig Jehle. Der Widderner Schulleiter, der ab 1939 auch die Ausgrabungen an der Burg vorantrieb, griff in seinem Gedicht „Das Glöcklein vom Dörnle“ eine alte, fast vergessene Sage auf.

Rätselhafte Unbekannte

Demnach hatte sich vor langer Zeit einst ein Edelfräulein bei bitterer Kälte im Wald verirrt. Als Siegelinde in der Dunkelheit orientierungslos umhergeirrt war, hörte sie von Ferne ein Glöcklein bimmeln: das Dörnlesgeläut. Diesem folgte das Edelfräulein so lange, bis es völlig frierend und völlig erschöpft das Obere Stadttor von Widdern erreicht hatte. Dort wurde sie vom Turmwächter entdeckt. Der nahm Siegelinde mit ins Dörnle, wo seine Frau dem Mädchen eine warme Mahlzeit und ein Nachtlager bot.

Tags drauf – Bedienstete ihres Vaters hatten schon stundenlang nach ihr gesucht – trafen sie das Edelfräulein wohlbehalten im Dörnle an. Als Dank schenkte die rätselhafte Gerettete – bis heute weiß nämlich niemand, wohin sie gehen wollte und woher sie kam – der Stadt Widdern eine Glocke.  Von unserer Redakteurin Ulrike Kübelwirth

Goldener Widder auf schwarzem Grund

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Das Wappen der Stadt Widdern zeigt einen goldenen Widder auf schwarzem Grund.

Das älteste belegte Gerichtssiegel, das den Widder zeigt, stammt aus dem Jahr 1511. Seit 1549 ist das Wappentier auch auf den Abdrücken von Gerichts- und Amtssiegeln nachgewiesen. Es stellt einen schreitenden Widder als redende Wappenfigur dar.

Während das Tier bis ins 20. Jahrhundert hinein diese Form behielt. erscheint es in Siegeln aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr schreitend, sondern stehend. Auch auf den Dreiberg, der einst den Boden darstellen sollte, wurde verzichtet.

Farben (Gold-Schwarz) und stehender Widder als Wappen wurden der Stadt im Jahr 1937 von der Archivdirektion Stuttgart verliehen.

Als redendes, auch sprechendes Wappen oder Namenwappen bezeichnet man in der Heraldik solche Wappen, die im Fall von Familiennamen auf den Namen des Inhabers oder im Fall von Ortswappen auf die (oft volksetymologische) Deutung des Ortsnamens anspielen oder ihn rebusartig darstellen. Die Anspielung liegt meist in der Figur, seltener in der Farbe. red
       

HNV-Fahrplantipps


In Widdern verkehren zwei Regionalbuslinien. Durch diese Regionalbusse gibt es eine Verbindung in umliegende Gemeinden im Landkreis Heilbronn und Hohenlohe.

In Möckmühl besteht durch die Regionalbusse ein Anschluss an die Regionalzüge in Richtung Osterburken, Würzburg, Heilbronn und Stuttgart.

Zusätzlich gibt es Umsteigemöglichkeiten auf die Regionalbuslinie nach Künzelsau und Bad Mergentheim. red