Nicht übel sprach der Dübel

Idee mit Tragkraft: Spezielle Betonschrauben aus dem Würth-Konzern geben maroden brücken neues Leben.

Die Relast-Schraube krallt sich im Beton fest. Damit können marode Stahlbetonbauwerke verstärkt werden. FOTOS: Büro Feix, Würth
Die Relast-Schraube krallt sich im Beton fest. Damit können marode Stahlbetonbauwerke verstärkt werden. FOTOS: Büro Feix, Würth
Ohne nachzudenken nennt Andreas Gerhard den Tag, an dem die Idee geboren wurde. Der Tag ist nämlich nicht nur sein eigener Geburtstag, sondern auch sein Hochzeitstag – doch am 9. Juni 1995 wollte das Wetter in seiner fränkischen Heimat nicht ganz mitspielen: Der üppig geschmückte Rosenbogen wollte dem Wind nicht standhalten. Kurzerhand dreht der Bräutigam Andreas Gerhard, dessen Eltern schon damals in Nürnberg eine kleine aber feine Dübelfabrik betreiben, eine Schraube zwischen zwei Randsteine, um den Bogen zu fixieren, denn in den Beton direkt – das geht nicht. Eine Schraube zu entwickeln, die das kann – dieser Gedanke hat Gerhard nicht mehr losgelassen. Er ist von Haus aus zwar Bankkaufmann und kein Ingenieur, dennoch hat er das Thema durchgezogen.
   
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Aus der Spax von damals ist zunächst eine normale Betonschraube geworden und irgendwann dann Relast. Eine Schraube kann also nicht nur die Grundlage für eine gute Ehe legen. Das System, das Gerhard zusammen mit dem Münchener Professor Jürgen Feix entwickelt und patentiert hat, hält ganz andere Lasten aus: Brücken. Nachträglich kann der Stahlbeton verstärkt werden und damit entweder brüchige Bauwerke, die sonst abgerissen und ersetzt werden müssten, saniert oder solche, die für den Verkehr zu schwach ausgelegt waren, verbessert werden. Umsätze im dreistelligen Millionenbereich verspricht man sich von dieser Erfindung. Nachdem die bauaufsichtliche Zulassung jetzt vorliegt, will Würth nun durchstarten – wobei das System nicht im klassischen Direktvertrieb an Handwerker geht, sondern über Ingenieurbüros: Jedes Projekt muss individuell geplant werden, die Relast-Schrauben sind aber standardisiert. Dennoch ist das Einsparpotenzial für die öffentliche Hand enorm: Die Sanierung kann im laufenden Betrieb erfolgen und dauert nur einen Bruchteil der Zeit. Und zugleich würden bei einer Reparatur nur sieben Prozent des CO2-Ausstoßes eines Neubaus verursacht, betont Gerhard.
   

„JETZT IST DAS ANERKANNTER STAND DER TECHNIK.“

BESCHICHTUNG

Eine Schraube ist eine Schraube ist eine Schraube? Keineswegs. Es sind die kleinen Details, die Andreas Gerhards Produkt so besonders machen. Das Material darf nicht gehärtet sein, um sich im Beton festzukrallen, braucht es aber ein superhartes Gewinde. Die Lösung: Schweißpunkte. Und sie darf selbstredend nicht rosten – aber Edelstahl ist zu brüchig. Also hat Gerhards Firma Toge kurzum ein mehrlagiges Beschichtungsverfahren entwickelt, das normalen Stahl so rostfest macht wie Edelstahl. „Jetzt ist das anerkannter Stand der Technik“, sagt er stolz. Und mit der Würth-Gruppe im Rücken kann jetzt der Vertrieb so richtig losgehen.
  
Bis zu zwei Meter lang können die Schrauben sein, die Toge-Chef Andreas Gerhard (Foto) mit Professor Jürgen Feix entwicklt hat.
Bis zu zwei Meter lang können die Schrauben sein, die Toge-Chef Andreas Gerhard (Foto) mit Professor Jürgen Feix entwicklt hat.
Im System und in der Auslegung steckt enorm viel Grips, die Anwendung hingegen ist denkbar einfach. Um eine Brücke zu sanieren, werden einfach an der richtigen Stelle Löcher gebohrt, gereinigt und mit einem speziellen Kleber gefüllt, der sämtliche Hohlräume verschließt, wenn die Schraube eingedreht ist. Das geht mit einem normalen Akkugerät. Dass die Schraube hält, dafür sorgt aber nicht der Kleber, sondern das Gewinde, das sich in den Beton einschneidet. Auf der anderen Seite sorgen eine Scheibe und die Mutter für den patentierten Zusammenhalt.

NEUE DIMENSION

Nicht nur der Rosenbogen und Andreas Gerhards Ehe haben gehalten – seine Frau ist in der Firma für das Kaufmännische zuständig. Menschlich gepasst hat es auch mit dem Würth-Management, als er das Unternehmen 2014 im Zuge einer Nachfolgeregelung an die Hohenloher verkauft hat. Auch ohne Relast hat er den Umsatz seither verdreifacht, mit dem großen Namen und der Zulassung für das neue Produkt im Rücken will er jetzt in ganz andere Dimensionen vorstoßen. Dass Gerhard auch zum Produktionsnetzwerk der Gruppe zugreifen kann, ist ein weiterer Bonus.

„Wir haben schon X Anwendungsfälle“, sagt Gerhard. Mit dem System hat die Würth-Tochterfirma ein Parkhaus ertüchtigt, das sonst abgerissen hätte werden müssen. Der Münchener Altstadttunnel unter dem Prinz Carl Palais, der guten Stube des Freistaats, wurde mit den Spezialschrauben verstärkt, eine neue Autobahnbrücke, die falsch betoniert war, hat das Relast-System nachträglich gerettet.

Nicht nur in Deutschland ist das Interesse am Relast- System groß, auch in den Niederlanden hat Andreas Gerhard schon Termine. Und eines steht fest: Marode Brücken gibt es genügend in Deutschland, in Europa und auf der ganzen Welt. So schnell wird Würth diese Arbeit also nicht ausgehen.
   
Manfred Stockburger
   

INFO


Künzelsau
49.258526
9.681283

Immer wieder hat Reinhold Würth einen Stein ins Wasser geworfen, um neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Eine gute Idee allein reicht aber nicht aus, es gehören auch die richtigen Strukturen und die richtigen Menschen dazu. Das Relast-System steckt noch in den Kinderschuhen, es könnte aber zum nächsten großen Ding für die Hohenloher werden.