Waldenburg: Mehr Schein als Sein

Warum die Waldenburger als „Berchaffa“ verspottet wurden, kann Ortshistoriker Karlheinz Englert nur vermuten

Die hübsch herausgeputzte Altstadt Waldenburgs lässt kaum mehr erahnen, dass viele ihrer Bewohner früher in bitterer Armut lebten. Fotos: Juergen Koch
Die hübsch herausgeputzte Altstadt Waldenburgs lässt kaum mehr erahnen, dass viele ihrer Bewohner früher in bitterer Armut lebten. Fotos: Juergen Koch
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Gar nicht so einfach, etwas über Spitznamen für die Waldenburger herauszufinden. Als „Berchaffa“ (Bergaffen) sollen sie hin und wieder tituliert worden sein. So zumindest war es in dieser Zeitung vor drei Jahren in einer Serie über regionale Spitznamen zu lesen. Allerdings ohne nähere Erklärung. Klar, „Berg“ liegt bei der Lage Waldenburgs als Balkon Hohenlohes auf der Hand. Aber „Affen“?

Gesucht, gefunden Vielleicht kann da Anneliese Ottliczky weiterhelfen, Waldenburger Urgestein und langjährige Stadtführerin, die ihr Städtle in- und auswendig kennt. Leider Fehlanzeige. „Des hoow i no gar nia g’heert“, muss sie passen. Zweiter Versuch beim früheren Waldenburger Schulleiter und Hobbyhistoriker Karlheinz Englert, der neben vielen anderen Heimatbüchern auch einen fast 600 Seiten starken Wälzer über die Geschichte der Bergstadt geschrieben hat. Doch auch er hat noch nie was von Waldenburger „Berchaffa“ gehört. Dafür dämmert ihm „irgendwas mit Spottversen“. Vielleicht ein Ansatzpunkt, den „Berchaffa“ näher auf die Spur zu kommen? Denn mit Spott haben beide zu tun: Spitznamen und Spottverse.
   
Der frühere Schulleiter und Heimatforscher Karlheinz Englert hat eine fast 600 Seiten starke Chronik zur Geschichte der Stadt Waldenburg verfasst.
Der frühere Schulleiter und Heimatforscher Karlheinz Englert hat eine fast 600 Seiten starke Chronik zur Geschichte der Stadt Waldenburg verfasst.
Nach ein bisschen Stöbern in seiner Chronik gräbt Karlheinz Englert gleich zwei Spottverse aus. Der erste geht so: „Die Waldenbercher Madlich san alle sou stolz, am Sunndich trocha’s Hütlich, am Werchdich trocha’s Holz.“ Für Englert beschreibt der Vers die „Sozialverhältnisse in Waldenburg im 19., eventuell auch im 18. Jahrhundert“. Eine Zeit, die für viele Waldenburger von bitterer Armut geprägt war. „In die gleiche Richtung geht der zweite Spottvers“, so der Ortsgeschichtler. „Waldeberch, du scheene Stadt, außenrum mit Mauern, drinnen hängt der Bettelsack und des isch zu bedauern.“ Was beide Spottverse verbindet: Der Gegensatz zwischen schönem Schein (Hütlich/Stadtmauern) und ärmlichem Sein (Holz sammeln/Bettelsack). Hinweise für die Armut in Waldenburg lassen sich für Englert auch in der 1861 erschienenen Ortsbeschreibung für das Oberamt Öhringen finden, die Waldenburg zu den „geringeren Städten“ des Oberamts zählt. So seien „viele der Waldenburger Ackerbürger Geißbauern“ gewesen, „die jeden Kreuzer dreimal umdrehen müssen“. Auch die Pfarrbeschreibung von 1824 spreche von „schwachen Nahrungsquellen“, die viele gezwungen habe, sich durch „Holzmachen“ etwas dazuzuverdienen.

Vermutung - So weit, so gut. Aber wie kriegt man jetzt die Kurve zu den „Berchaffa“? Die könnte für Karlheinz Englert so aussehen: Weil die Waldenburger „in den stolzen Mauern einer Residenzstadt leben“ und dennoch „in großer Armut mühselig ihr Brot verdienen müssen, haben sie das vielleicht gerne mal überspielt“. Zum Beispiel – wie im ersten Spruch – die „Madlich“ durchs sonntägliche Hüte-Tragen nach dem Motto „Mehr Schein als Sein“. Das wiederum mag manchen Zeitgenossen vielleicht affig im Sinne von geziert, albern oder eingebildet vorgekommen sein und zum bösen Spott gereizt haben. „Und schon könnte das mit den Berchaffa passen“, nimmt Englert die Erklärungs-Kurve. „Das ist aber nur eine Vermutung“, räumt er ein. Denn als Historiker hält er sich eigentlich lieber an die Fakten. Von Juergen Koch
   

HNV-Fahrplantipps

Waldenburg verfügt über eine Regionalzughaltestation und außerdem über mehrere Regionalbuslinien. Der Regionalzug fährt im Stundentakt nach Schwäbisch Hall, Crailsheim oder Öhringen und nach Heilbronn. Die einzelnen Regionalbuslinien verbinden zum einen den Bahnhof mit der Stadt und zum anderen mit den umliegenden Gemeinden. Zudem gibt es regelmäßige Busverbindungen nach Öhringen und Künzelsau und auch in den benachbarten Landkreis nach Schwäbisch Hall. red

Drei grüne Tannen und ein schwarzer Löwe

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Die offizielle Bezeichnung des Waldenburger Wappens lautet: „In geteiltem Schild oben in Gold/Gelb auf grünem Boden drei grüne Tannen, unten in Silber/Weiß ein schreitender, rot bewehrter, hersehender schwarzer Löwe/Leopard mit untergeschlagenem Schweif.“ Das im Stadtsiegel seit dem 16. Jahrhundert nachweisbare Wappen bezieht sich durch die drei Tannenbäume in seiner oberen Hälfte auf den Namensteil „Wald“ und in der unteren Hälfte durch den hohenlohischen „Leoparden“ auf die damalige Herrschaft der Stadt. Mit der hohenlohischen Landesteilung im Jahr 1553 wurde Waldenburg Residenz der Grafen und späteren Fürsten von Hohenlohe-Waldenburg. Als Folge der Rheinbundakte fiel die Stadt 1806 an das Königreich Württemberg.

Die Stadtflagge von Waldenburg zeigt die hohenlohischen Hausfarben Rot und Weiß, die mehrere im ehemaligen Territorium der Grafen und späteren Fürsten von Hohenlohe gelegene Städte unabhängig von ihren Wappen führen. red