Siegelsbach: Arm, aber aufrecht

Entbehrungen und harte Arbeit prägten einst das Dorfleben

Die Grafen von Wiser – jahrhundertelang die Ortsherren – ließen den Hirschhorner Hof im 18. Jahrhundert zum standesgemäßen Schloss umbauen. Foto: Archiv/Mugler
Die Grafen von Wiser – jahrhundertelang die Ortsherren – ließen den Hirschhorner Hof im 18. Jahrhundert zum standesgemäßen Schloss umbauen. Foto: Archiv/Mugler
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Siegelsbach ist schon immer eine kleine, beschauliche Gemeinde gewesen. Erstmals 1258 urkundlich erwähnt. Seitdem mussten sich die Siegelsbacher lange der Obrigkeit unterordnen. Über die Jahrhunderte kamen und gingen verschiedene Fürsten als Ortsherren. Und nicht immer war das Verhältnis zwischen ihnen und den Untertanen gut. So kam es in den Jahren 1810/11 wegen einer unerträglich hohen Abgabenlast, welche die Bewohner, die von der Landwirtschaft und kleinen handwerklichen Betrieben lebten, nicht zu stemmen vermochten,. sogar zu einer Rebellion.

Ein Dorfrebelliert - Zuzüglich zu den bereits bestehenden Abgaben und Lasten erhoben die neuen Herren – die Fürstlich-Leiningensche Regierung in Baden – nämlich weitere Steuern und Frohnden. Vor allem die ständigen Botendienste, die zuweilen bis zu einem Dutzend Siegelsbacher ständig zu beschäftigen vermochten, waren den Bewohnern ein Dorn im Auge. Eine Beschwerde beim Kreisdirektorium im August 1810 in Mannheim brachte den Siegelsbachern auch keine Abhilfe, im Gegenteil, man drohte ihnen mit „Militärischer Exekution“. Die aufrechten Siegelsbacher wehrten sich und konnten schließlich nur durch die Waffengewalt von 70 Dragonern, die das Dorf besetzten, zur Weiterzahlung ihrer Abgaben bewogen werden.

Florieren der Steinbruch - Zwar setzte im späten 19. Jahrhundert mit dem Bau einer Seifensiederei, aus der sich später die Süddeutsche Öl- und Fettwarenfabrik entwickelte und der Errichtung einer Dampfdrescherei samt fahrbarer Lokomotive, eine geringe Industrialisierung ein – doch reich wurden die Bewohner nicht. Etwas besser wurde es für sie, als der Siegelsbacher Steinbruch im Jahr 1900 besondere Bedeutung gewann: Sein Sandstein war heiß begehrt. Unter anderem fand er beim Bau des Bahnhofs in Basel und des Neuen Rathauses in Hannover Verwendung. Das Geschäft mit dem Stein lief so gut, dass am 15. Oktober 1902 die Krebsbachtalbahn, eine Nebenbahn, die von Neckarbischofsheim nach Hüffenhardt führte, eingeweiht wurde. Ab 1907 gab es auch ein Schmalspurgleis von den Siegelsbacher Steinbrüchen zum Bahnhof. Trotzdem war das Leben der meisten Dörfler von Entbehrungen und harter Arbeit geprägt. Dies dürfte der Hintergrund sein, vor dem der Spitzname entstand, mit dem die Nachbarn die Siegelsbacher beglückten: Laableit.

Laableit - Zusammengesetzt aus Laab (Laub) und Leit (Leute), stammt der Begriff wohl aus einer Zeit, als die Siegelsbacher an Missernten und Not litten, wenig zum Leben und noch weniger für ihre Tiere hatten. Noch nicht einmal genügend Stroh, um die Ställe einzustreuen. Deshalb machten sie sich auf in den eigenen und den angrenzenden Hüffenhardter Forst, um Laub zu sammeln. Schwer beladen begegneten die Laableit auf ihrem Weg Richtung Dorf immer wieder mal Bewohnern von Nachbargemeinden.

Europas Wundermädchen - Nein, die folgende Geschichte hat mit „polital correctness“ nix zu tun, mag im 21. Jahrhundert Menschenrechtler auf den Plan rufen, aber sie hat sich nach Recherchen des Heimatforschers Rudolf Petzold genau so zugetragen. Hauptfigur ist eine im wahrsten Wortsinne kleine Siegelsbacherin, die es zum „Wundermädchen Europas“ gebracht hat. 1815 war es, als die Bauerntochter Anna Barbara Schreier den Wiener Hof in Entzücken versetzte.

Österreichs Kaiser Franz hatte damals die gekrönten Häupter Europas zu Gast, um den Kontinent nach den Napoleon’schen Kriegen neu zu verteilen, als er davon erfuhr, dass ein Liliputanermädchen in Wien gastiere, das täglich hunderte von Schaulustigen vor dem Stephansdom bestaunten. Und genau mit diesem „allerliebst gestalteten Wesen“ wollte der Kaiser seine Gäste überraschen. Tags drauf wurde es in die Hofburg beordert. Anna Barbara Schreier trippelte in den Saal. „Nach einigen Schrittchen bleibt sie stehen, fasst mit beiden Händen ihr Röckchen und zelebriert den zierlichsten Knicks, bevor sie ein paar kindliche unbeholfene Tanzschrittchen versucht“, schreiben die Hofberichterstatter. Noch am selben Tag bitten Gelehrte der Wiener Universität Anna Barbara untersuchen zu dürfen. Dabei stellen sie fest, dass das kleinwüchsige Mädchen völlig normal entwickelt sei. Allerdings „misst nur Fünfjährige nur 16 Zoll und wiegt mit Kleidern etwas mehr als sechs Pfund“.

Bauernkind - Doch wer ist das Mädchen? Anna Barbara Schreier wird am 31. Oktober 1810 in Siegelsbach geboren, ist 16 Zentimeter groß und eineinhalb Pfund leicht. Mit 15 Monaten – da ist Anna Barbara 45 Zentimeter groß und fünf Pfund schwer – wird die „wunderbare Naturerscheinung“ erstmals von einem Heidelberger Arzt untersucht – weil ihre Eltern beantragt hatten, sie öffentlich zur Schau stellen zu dürfen – gegen Bezahlung. Anfangs nur auf Jahrmärkten der Umgebung, dehnten die Eltern ihren Aktionsradius immer weiter aus. Und sie wird immer wieder von Ärzten untersucht – in Heidelberg, Paris, Wien, Göttingen und Stuttgart. Mit 18 Jahren ist sie etwa 60 Zentimeter groß und wiegt acht Pfund. Anna Barbara hat tanzen gelernt und begeistert europaweit ihr Publikum. So lange, bis sie am 1. September 1831 in Nürnberg an einer Lungenentzündung stirbt.

Bevor die Geldquelle endgültig versiegt, wollen die Eltern ein letztes Mal Anna Barbara öffentlich zeigen. Sie lassen einen gläsernen Sarg anfertigen und beantragen die Zurschaustellung der Leiche ihres Kindes. Doch die Behörden verbieten dies. Stattdessen wird das Wundermädchen am 11. September „morgens sechs Uhr ohne Sang und Klang (auf amtlichen Befehl) dahier in Siegelsbach beerdigt“, wie der damalige Pfarrer Christoph Warth im Kirchenbuch vermerkt. Von unserer Redakteurin Ulrike Kübelwirth
   

HNV-Fahrplantipps

In Siegelsbach verkehren drei Regionalbuslinien als Verbindung mit den umliegenden Gemeinden auch in den benachbarten Landkreisen Neckar-Odenwald und Rhein-Neckar. Nach Bad Rappenau gibt es mindestens eine stündliche Verbindung, die in den Hauptverkehrszeiten durch einzelne Fahrten verstärkt wird. Dort besteht Anschluss an die Stadtbahn nach Heilbronn oder Sinsheim und an den Regionalzug Richtung Mannheim oder Heilbronn. Es gibt auch eine regelmäßige Verbindung nach Neckarbischofsheim – mit Umsteigemöglichkeit auf die S-Bahn Rhein-Neckar. Außerdem ist Siegelsbach Haltepunkt des Freizeitverkehrs der Krebsbachtalbahn zwischen Hüffenhardt und Neckarbischofsheim. red

Sechseckiger Stern erinnert an Ortsherren

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Das zweigeteilte Wappen der Gemeinde Siegelsbach in den Farben Rot-Gold (Gelb) zeigt einen sechseckigen Stern in verwechselten Farben. Der Stern ist eine Ableitung des Wappens der Grafen von Wiser, den ehemaligen Ortsbesitzern. Verliehen wurde das Wappen im Jahr 1922. Seine Gestaltung geht auf einen Vorschlag des Generalarchivs Karlsruhe zurück – wurde aber in Form und Tingierung angepasst. Die Tingierung, die Farbgebung von Wappen, soll nach einer Forderung der Heraldik (Wappenkunde) immer möglichst kontrastreich sein. Die Flagge wurde Siegelsbach am 16. Mai 1959 verliehen. Die Gemeindefarben sind Rot-Gelb. red