Wo das Peitschen-Babele einst hauste

Die Höhlen der Felswand an der Kapelle St.Wendel zum Stein sollen einer Räuberbande als Versteck gedient haben

Der Legende nach soll bereits im sechsten Jahrhundert ein Schafhirte am Ufer der Jagst ein Kirchlein errichtet haben. Die jetzige Kapelle im spätgotischen Stil und das Mesnerhaus (links) entstanden zwischen 1511 und 1515. Foto: Ute Böttinger
Der Legende nach soll bereits im sechsten Jahrhundert ein Schafhirte am Ufer der Jagst ein Kirchlein errichtet haben. Die jetzige Kapelle im spätgotischen Stil und das Mesnerhaus (links) entstanden zwischen 1511 und 1515. Foto: Ute Böttinger
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Von Ute Böttinger

Von der Bundesstraße 19 aus, gut zwei Kilometer südöstlich von Dörzbach, sieht man die kleine Kirche. Wanderer führt ein Pfad zur Kapelle St. Wendel zum Stein. Und wenn man von der Waldwiese kommend den schmalen Weg mit den Stufen hinuntersteigt, hat das schon etwas Mystisches. Zwar trennt nur die vorbei fließende Jagst den Ort von der viel befahrenen Straße, doch hier herrscht Ruhe. Es scheint als schmiege sich die Kapelle schützend an die zehn Meter hohe Felswand. Die Kirchentür hat einen schweren Zug und knarzt, im Innern ist es unglaublich still. Durch die schmalen Fenster fällt sanftes Licht. Gestein bildet die natürliche Rückwand des Gotteshauses. Chorgewölbe und Wandmalereien, der Altar in der Nische und die kleinen Holzbänke zeugen von längst vergangenen Tagen.

Ein wahrer Schatz
Um den Bau dieses alten Gemäuers ranken sich Sagen und Mythen. Es heißt, ein Schafhirte habe im sechsten Jahrhundert auf einer Waldwiese über der Felswand einen Schatz gefunden. Aus Dankbarkeit wollte er dort eine Kapelle errichten. Er ließ Gräben ausheben, Steine behauen und Holz zuschneiden. Doch als man am nächsten Morgen auf der Wiese mit den Arbeiten beginnen wollte, lag das gesamte Baumaterial unten am Ufer der Jagst.

Am kommenden Tag wiederholte sich das Geschehen. Aber damit nicht genug: Die Steine und das Holz waren am Fluss so angeordnet, dass sie deutlich den Grundriss einer Kirche bildeten. Der Schäfer soll darin den Willen Gottes erkannt und die Kapelle schließlich dort errichtet haben.

Die heutige Wallfahrtskapelle im spätgotischen Stil sowie das dazugehörige Mesnerhaus wurden dann zwischen 1511 und 1515 gebaut und dem Schutzheiligen der Hirten, St. Wendelin geweiht. Als Schatz wird St. Wendel zum Stein auch von den Dörzbachern wahrgenommen. Ein Förderverein kümmert sich heute liebevoll um diesen heiligen Ort der Stille.

Banditen
Auch das „Peitschen-Babele“ gehört vermutlich genauso ins Land der Sagen und Legenden wie die Geschichte vom Schafhirten und dem ersten Bau des Kirchleins. „Peitschen-Babele“ oder an anderer Stelle auch „Pritschen-Bebele“ benannt, sei die Anführerin einer berüchtigten und umher ziehenden Räuberbande gewesen. Diese habe in den Nischen und kleinen Höhlen der hochragenden Felswand gehaust.

Ob die Überreste menschlicher Skelette, die man in einer der Höhlen gefunden hat, nun „Peitschen-Babele“ und ihre Banditen waren, ist nicht überliefert. Allerdings: Neben den menschlichen Überresten fand man auch Arm- und Fingerringe aus Bronze, zwei kleine Eisenmesser und Schmuckstücke wie Bernstein- und Gagatperlen sowie den mit einer Koralle besetzten Kopf einer eisernen Nadel. Und noch weitere Fünde wurden beim Ausräumen der sogenannten Marderhöhle in den 1930er Jahren dokumentiert: die Reste kleinerer Tiere, der Kiefer eines Fuchses sowie die Reißzähne eines Wolfes.
   

HNV-Fahrplantipps

Dörzbach wird von sechs Regionalbuslinien bedient. Man gelangt auch mit dem ÖPNV nach Bad Mergentheim, Künzelsau, Möckmühl oder Öhringen. So ergeben sich in der Stunde mehrere Verbindungen in die umliegenden Gemeinden. Zu den Schul- und Hauptverkehrszeiten werden zusätzlich Verstärkerfahrten angeboten. In Bad Mergentheim besteht Anschluss an verschiedene Regionalbahnen, beispielsweise in Richtung Lauda und dann nach Würzburg oder Crailsheim und dann Stuttgart. red

Drei alte Familienwappen vereint

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Das Wappen der Gemeinde Dörzbach ist dreimal geteilt – durch einen von Silber und Rot gespalteten schmalen Balken. Oben sind drei rote Muscheln auf silbernem Hintergrund und unten ein fünfspeichiges silbernes Rad auf schwarzem Hintergrund zu sehen.

Die Herren von Berlichingen, die schon zuvor Rechte zu Dörzbach besaßen, erlangten zu Ende des 15. Jahrhunderts eine landesherrschaftsartige Stellung in dem damals bereits stadtähnlichen Dorf. Auf ihre Bitte hin verlieh ihm 1583 Kaiser Rudolf II Marktrechte und ein eigenes Wappen mit den Zeichen der Herren von Dörzbach und Berlichingen. Nach dem Verkauf des Ortes an die fränkische Adelsfamilie von Eyb 1601, die seitdem Schlossbesitzer ist, wurde das Rad der Berlichingen durch die Muschel als Schildbild der Eyb in den Gemeindesiegeln ersetzt.

In der heutigen Form legte 1970 das Staatsministerium des Innern das Wappen mit Berücksichtigung der drei alten Familienwappen fest. Die Flagge der Gemeinde Dörzbach ist in Rot und Weiß gehalten. red