Carnevalclub & Brauchtumsgruppe Zigeuner in Massenbachhausen

Dreißigjähriger Krieg beschert Massenbachhausen Not, Elend und einen Spitznamen, der die Jahrhunderte überdauert

Massenbachhausener sind Zigeuner: Der Spitzname stand auch Pate für eine Brauchtumsgruppe des Carnevalclubs, die 1973 ins Leben gerufen wurde. Foto: Archiv/Muth
Massenbachhausener sind Zigeuner: Der Spitzname stand auch Pate für eine Brauchtumsgruppe des Carnevalclubs, die 1973 ins Leben gerufen wurde. Foto: Archiv/Muth
Zinsfreiheit für die „Zigeuner“ Image 1
Not und Elend brachte der Dreißigjährige Krieg auch über das Leintal. In der Zeit von 1618 bis 1648 waren es Kaiser und Fürsten, die erbittert gegen die religiösen Parteien kämpften, die aus Katholiken und Protestanten bestanden. Es war der 17. April 1622, als der kaiserliche Feldherr Generalfeldmarschall Tilly den vereinten Truppen von Mansfeld und Markgraf Georg Friedrich von Baden Durlach unterlag. Tilly und seine Mannen zogen sich in aller Eile durch das nördliche Leintal nach Wimpfen zurück. Die Sieger wählten ihren Weg über Schwaigern, wo der Markgraf sein Hauptquartier aufschlug – mit 20 000 Mann, 20 Geschützen sowie 1800 Rüstzeug- und Gepäckwagen. Seine Leute konfiszierten Lebensmittel, Pferde und weiteres Vieh von der Bevölkerung, die zudem noch Soldaten aufnehmen musste. 

Schlacht um Wimpfen Am 6. Mai 1622 folgte die nächste große Schlacht zwischen Wimpfen und Obereisesheim mit rund 400 bis 5000 Toten auf jeder Seite. Aus ihr ging diesmal Tilly als Sieger hervor. Im Nachgang zogen dessen Landsknechte marodierend durchs Land, brandschatzten, vergewaltigten und mordeten.

In dieser Zeit entstand auch die Sage vom Grausental: An der Markungsgrenze von Massenbach und Massenbachhausen zieht sich ein liebliches Tal von der Straße gegen den Wald derer von Neipperg. Dort sollen sich – bevor es zum Grausental wurde – die ersten Häuser von „Hausen bei Massenbach“ befunden haben.

Sage vom Grausental Nach der großen Schlacht von 1622 machten sich durchziehende Soldaten dort auf die Suche nach verborgenen Schätzen. Mit den Bewohnern gingen sie dabei alles andere als zimperlich um. Vor der Gewalt flüchtete die Bevölkerung Massenbachhausens in die benachbarten Wälder, wo die Menschen unter erbärmlichen Bedingungen in Erdlöchern hausten – mit ihrem übriggebliebenen Vieh. So wurde das Land entvölkert, die Felder blieben unbestellt – und alles, was man zum täglichen Leben brauchte, wurde teurer. Die Folge waren Hungersnöte, es wüteten Krankheiten wie Ruhr und Pest. Schließlich suchten sich die Vertriebenen einen anderen Platz. Sie siedelten sich im damals noch mit Wald bestandenen Quellgebiet an, dort, wo heute Massenbachhausen steht. Doch auch diese neugegründete Siedlung wurde verwüstet. Das letzte Mal im Dreißigjährigen Krieg geschah dies 1648 – kurz vor dessen Ende, als erneut die Franzosen mit ihrem Heer in die Gegend kamen.

Die bayerische Armee, die bis dato für relative Ruhe gesorgt hatte, zog sich zurück und überließ den Franzosen den Landstrich zum zweiten Mal. Es kam zur letzten großen Schlacht im Neckartal, welche die mit Schweden vereinigte französische Armee für sich entschied. Auf ihrem Vormarsch hatte sie nicht nur die am Neckar und die auf ihrem Weg gelegenen Orte überfallen, sondern auch viele Gemeinden in der Umgebung verwüstet und eingeäschert. Plündernd und mordend stürzten sie die Bevölkerung erneut in tiefe Not. Viele Alt-Hausener suchten deshalb Schutz innnerhalb der Stadtmauern von Schwaigern und Heilbronn. Vor den Soldateska waren sie dort sicher, nicht aber vor der Pest, welche die Bevölkerung zusätzlich dezimierte.

Im Namen des Glaubens Dazu kam in Massenbachhausen noch ein Herrschaftswechsel: Während dort vor dem Dreißigjährigen Krieg ausschließlich Protestanten gelebt hatten, kam der Ort 1650 in den Besitz der katholischen Adelsfamilie Echter von Mespelbronn. Die neuen Herren vertrieben im Namen ihres Glaubens die Evangelischen und siedelten dafür Katholiken an – vorwiegend Söldner und Soldaten aus aller Herren Länder, denen man für ihren Zuzug Zinsfreiheit versprach. So wollte die Herrschaft dafür sorgen, dass aus der verwilderten Bevölkerung wieder tüchtige und anständige Menschen wurden. Für ihre Nachbarn waren sie aber weit davon entfernt. Die Neu-Massenbachhausener blieben ihnen für lange Zeit suspekt. Für sie waren die Zugezogenen nichts weiter als „Zigeuner“.

Ein Spitzname, der die Jahrhunderte überdauerte und der 1973 schließlich auch Pate stand für eine neue Abteilung des Carnevalclubs: die Masken- und Brauchtumsgruppe Zigeuner, die den Uznamen der Ortschaft bis heute lebendig hält.

Von unserer Redakteurin Ulrike Kübelwirth
  

HNV-Fahrplantipps

In Massenbachhausen gibt es drei verschiedene Regionalbuslinien sowie eine direkte Verbindung in das Industriegebiet Böllinger Höfe und zum Klinikum Heilbronn. Dabei besteht die Möglichkeit, in den Heilbronner Stadtteilen Kirchhausen, Biberach, Frankenbach oder am Klinikum auf verschiedenen Stadtbuslinien umzusteigen und so weiter in die Heilbronner Innenstadt zu kommen. Zudem bestehen Busverbindungen nach Schwaigern, Leingarten und Gemmingen. Von dort aus geht es mit der Stadtbahn weiter in Richtung Heilbronn oder Eppingen. red

Haus auf drei neippergischen Ringen

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Das Wappen von Massenbachhausen zeigt drei silberne (weiße Ringe), über denen ein gelbes Haus auf rotem Grund zu sehen ist. Das Haus ist in der Literatur seit dem Jahr 1844 und in den Gemeindestempeln seit 1903 als redende Wappenfigur nachgewiesen. Als redende oder sprechende Wappenfiguren bezeichnet man in der Heraldik Darstellungen, die entweder auf die Deutung des Ortsnamens anspielen oder ihn rebusartig darstellen, 1938 wurde das Wappen von der Archivdirektion Baden-Württemberg als „in Blau auf grünem Dreiberg ein naturfarbenes Haus mit rotem Dach“ beschrieben.

Mit Rücksicht auf zahlreiche andere Wappen, die ein Haus zeigen, nahm die Gemeinde Massenbachhausen im Jahr 1959 auf Anraten der Archivdirektion Stuttgart zusätzlich noch die drei neippergischen Ringe in ihr Wappen auf. Diese sollen auf die frühere Ortsherrschaft des Adelsgeschlechts derer von Neipperg hinweisen. Gleichzeitig wurden damals auch die Farben – Rot, Silber, Gold – bestimmt. Wappen und Flagge wurden vom Landesinnenministerium am 18. August 1959 verliehen.