Klima-Engagement mit Widersprüchen

Die CO²-Bilanz der Fußball-Bundesliga

Klima-Engagement mit Widersprüchen Image 1
Der Brasilianer Neymar trägt Fußball-Schuhe der Größe 40, Weltfußballer Lionel Messi hat Schuhgröße 43, der Belgier Romelu Lukaku kommt auf 47,5. Einen individuellen Fußabdruck hinterlässt der Fußball auch im ökologischen Sinne.
  
Klima-Engagement mit Widersprüchen Image 2
Woche für Woche bewegt die Bundesliga hierzulande die Massen. Rund 7800 Tonnen CO² produzieren Fans an nur einem Spieltag der ersten Bundesliga. Das geht aus einer Kurzstudie der Nachhaltigkeitsexperten von Co2OL hervor, einer Klimaschutzberatung für Unternehmen. Zwei Drittel davon entfallen auf die An- und Abreise der Zuschauer. 48 Fußballfelder voll mit 60000 Bäumen müsste man pflanzen, um das auszugleichen. Woche für Woche
.
Solche Bäume pflanzt die TSG Hoffenheim. Allerdings nicht im Kraichgau, sondern in Afrika. Seit August 2019 agiert der Verein klimaneutral, der Kraichgauclub gleicht auch die Emissionen der anreisenden Teams und Schiedsrichter aus. Das ist löblich, beinhaltet aber nicht die von den Zuschauern verursachten Emissionen. Ebenfalls prima: Wer Online-Tickets für Heimspiele der TSG 1899 Hoffenheim kauft, kann freiwillig mehr dafür zahlen und somit für jeden Euro zusätzlich einen Baumsetzling in Uganda erwerben. 25 000 Setzlinge sind so schon zusammengekommen. „Dass die TSG Hoffenheim etwas tut, ist positiv zu sehen“, sagt Patrick Fortyr von Co2OL, einem Spezialisten für betrieblichen Klimaschutz, der unter anderem auch den VfL Wolfsburg berät.
HSt-Grafik, Quelle: Kurzstudie der Klimaschutzberatung Co2OL
HSt-Grafik, Quelle: Kurzstudie der Klimaschutzberatung Co2OL
Problem Mobilität

Das Problem für den umweltbewussten Fan: Was bringt der inkludierte ÖPNV-Beitrag auf der Eintrittskarte fürs TSG-Heimspiel, wenn der öffentliche Nahverkehr kein attraktives Angebot darstellt? Also bleibt für viele nur das eigene Auto für den Weg in die Pre-Zero-Arena direkt an der Autobahn 6. Beim VfL Wolfsburg setzt man beispielsweise auf eine wachsende E-Mobilität und baut das Angebot an Ladesäulen für E-Autos am Stadion aus. „Die Vereine haben schon Lenkungsmöglichkeiten“, sagt Patrick Fortyr von Co2OL. Kostet ein Parkplatz am Stadion plötzlich viel mehr, dann steigt der Fan auf Bus und Bahn um. Zumindest theoretisch. „Es sind weitere Ansätze denkbar, sie sind aber nicht ohne das Zusammenspiel mehrerer Partner möglich“, sagt Stefan Wagner, der bei der TSG Hoffenheim das gesellschaftspolitische Engagement (Corporate Social Responsibility) betreut.

Bei allem lobenswertem Klima-Engagement: Was bleibt, sind Widersprüche. Als die Hoffenheimer Bundesligakicker im vergangenen Oktober bei Bayern München gewannen, ging es für die Sieger hinterher per Bus zum Münchner Flughafen, dann per Flieger nach Mannheim. So etwas konterkariert andere Bemühungen. Also alles nur ein grünes Feigenblatt? Greenwashing auf dem grünen Rasen? Die Herren Fußballer sind eben nicht nur bei der TSG 1899 Hoffenheim das höchste Gut, das komfortabel reisen will, gepflegt und gehegt sein möchte. Winter-Trainingslager in Spanien (TSG Hoffenheim), den USA (Hertha BSC) oder Katar (FC Bayern München) machen sportlich wie ökonomisch Sinn, sind der Klima-Bilanz allerdings nicht zuträglich. Wer als Verein erfolgreich sein wolle, der müsse eben auch fliegen, sagt Wagner. Privat fahren die meisten Bundesligaprofis auch noch in sehr großen, PS-starken und wenig umweltfreundlichen Autos durch die Lande.

In der Sinsheimer Fußball-Arena sorgt unter anderem eine Pelletsheizung für Wärme. Foto: TSG 1899 Hoffenheim
In der Sinsheimer Fußball-Arena sorgt unter anderem eine Pelletsheizung für Wärme. Foto: TSG 1899 Hoffenheim

Gesellschaftliches Vorbild

So bleibt unterm Strich: Wer als Fußballverein weniger Treibhausgase produziert, muss am Ende auch weniger ausgleichen. „Ziel sollte eigentlich sein, gar nichts kompensieren zu müssen“, sagt Patrick Fortyr. Davon ist jedoch nicht nur der Fußball weit entfernt. In der Sinsheimer Pre-Zero-Arena sorgt eine Pelletsheizung für Wärme, über eine Photovoltaikanalage werden jährlich 1,3 Millionen Kilowattstunden Strom produziert. Die TSG Hoffenheim hat zu Saisonbeginn 3000 Tonnen CO² kompensiert, zudem jeweils elf Tonnen für die Anreise der Gastmannschaft und der Schiedsrichter. „Nach der Saison berechnen wir den Fußabdruck und justieren gegebenenfalls nach“, sagt Stefan Wagner.

Andreas Rettig, der ehemalige Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, regte unlängst an, bei der Verteilung der TV-Gelder zu berücksichtigen, wie sich ein Verein zum Thema Nachhaltigkeit stelle: „Das wäre ein starkes Signal.“

Die Debatte ums Fußball-Engagement in Sachen Klimaschutz nimmt an Fahrt auf. Hoffenheim Mehrheitsgesellschafter Dietmar Hopp fordert, die DFL müsse als Impulsgeber auftreten. „Man sollte den Clubs generell Anreize zum nachhaltigen Wirtschaften geben“, sagt der Milliardär und SAP-Gründer, der im April 80 Jahre alt wird. Das Problem dabei: „Die wichtigsten Themen, nämlich Nachhaltigkeit und Zukunft, sind bei der DFL nicht besonders ausgeprägt“, meint Andreas Rettig.

Auch eine Einbindung bei den Lizenzierungsbedingungen wäre grundsätzlich denkbar. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies mittelfristig passiert“, sagt Experte Patrick Fortyr. Noch stünden die kommerziellen Interessen zu sehr im Vordergrund. Die Nachhaltigkeitsbemühungen der Bundesligavereine unterm Dach der Deutschen Fußball-Liga zu bündeln, wäre eine andere Möglichkeit. Das hätte einen Vorteil in Sachen Transparenz. „Dann wären die Vereine in Sachen Klimaschutz auch besser vergleichbar“, sagt Patrick Fortyr. Florian Huber
  

Der grünste Club der Welt

Der englische Viertligist Forest Green Rovers möchte der grünste Fußballverein der Welt sein. Das eigene Image kultiviert der Club recht erfolgreich. Von den Vereinten Nationen erhielt der Club den Titel des ersten CO²-neutralen Fußballvereins der Welt verliehen. Vereinsboss Dale Vince machte sein Vermögen mit einer Öko-Energie-Firma. So steckt das Grün nicht nur im Vereinsnamen.

Die Spieler ernähren sich vegan, auch die Fans und Mitarbeiter müssen auf tierische Produkte verzichten. Neuerdings sind die Schienbeinschoner der Kicker aus Bambus anstatt aus Plastik. Der Rasenmäher dreht solarbetrieben seine Runden über den Biorasen, der mit schottischem Seetang gedüngt wird. Das Stadion „New Lawn“ wird zu 100 Prozent mit Ökostrom betrieben, der Verein plant zudem den Bau eines reines Holzstadions.