Die Dinge zum sprechen bringen

Welche Rolle Kunst in den neuen 20er Jahren spielt. Ein Gespräch mit dem Chef der Städtischen Museen Heilbronn, Marc Gundel.

Dieter Läpples Käthchen-Figur war in den 60er Jahren noch für einen Skandal gut. Kurz vor dem Tod des Künstlers hat Marc Gundel (r.) 2018 mit Läpple eine Veranstaltung gemacht. FOTO: Christina Kunz
Dieter Läpples Käthchen-Figur war in den 60er Jahren noch für einen Skandal gut. Kurz vor dem Tod des Künstlers hat Marc Gundel (r.) 2018 mit Läpple eine Veranstaltung gemacht. FOTO: Christina Kunz
Herr Gundel, denkt man an die 1920er Jahre, läuft im Kopfkino ein Film mit lauter Musik und Bildern ab. Welche Rolle kann und muss Kunst und Kultur in diesem neuen Jahrzehnt spielen?

Marc Gundel: Ich bedauere sehr, dass wir in einer fast ästhetiklosen Welt leben. Das war vor 100 Jahren anders. Formen und Farben können auch lebensbereichernd sein. Gerade in dieser immer komplexeren Welt, in der es schwer ist, Orientierung zu halten, bildet die Kultur einen Anker: Sie gibt uns Identität und hilft uns, im Lauf des Lebens neue kulturelle Identitäten zuzulassen.

Im Moment kann man den Eindruck bekommen, dass es kaum noch eine öffentliche Auseinandersetzung mit Kunst gibt.

Der Befund ist noch substanzieller: Es gelingt uns immer seltener, mit Kunst in die eigentlichen Diskurse vorzudringen – wir gehören eben heute zum Mainstream. Das war nicht immer so: Schauen wir uns dieses altmodische Käthchen von Dieter Läpple an: 1965 war das ein Affront, heute ist das überhaupt nicht mehr nachvollziehbar.

Muss die Kunst in den neuen 20er Jahren mehr provozieren, um wieder relevant zu sein?

Das ginge nur mit Tabubrüchen bei Themen wie Rasse/Ethnien oder mit Sexualität. Aber wollen wir das? Gleichzeitig hat sich eine Marktdynamik verselbstständigt: In gewissen Kreisen hat man zu viel Geld, kauft sich einen Oldtimer, eine Rolex – oder man kauft sich Kunst. Das hat eine Monetarisierung zur Folge. In unserer Wirtschaftsform haben wir aber keine Währung für den kulturellen Wert. Wir brauchen auch kulturelles Zukunftskapital.

Wie kann man das kulturelle Zukunftskapital vermehren?

Wir müssen die einseitige monetäre Bewertung von Dingen schon in der Schule aufbrechen. Das gilt nicht nur für die Kultur, sondern auch für das Soziale. Das müssen wir gesellschaftlich in eine neue Balance bringen.

Wie wollen Sie das erreichen in dieser ökonomisierten Welt?

Es gibt da schon Verbindungen. Kreativität ist im modernen Arbeitsleben immer mehr gefordert – in der Führung, aber auch in der Selbstorganisation der Menschen. Was ist lebensbereichernd? Wo kann ich mit den Augen stehlen? Wo kann ich Entwicklungsmodelle ableiten? Ich will nicht jeden zum Künstler machen, aber die Auseinandersetzung mit künstlerischen Haltungen hilft: Künstler stellen nichts her, was man braucht. Sie haben Erfahrung, Dinge zu verkaufen, die für sich genommen zunächst wertlos sind. Sie sind die besten Krisenmanager.

Und im öffentlichen Raum?

Man muss die Menschen abholen, wo sie sich befinden, also in ihrem Umfeld. Da geht es nicht nur um Gemälde oder Skulpturen, sondern auch um die Räume, die uns behausen, um die Architektur. Da ist der Nachholbedarf in Heilbronn groß, auch wenn die Experimenta ein gutes Beispiel für ein skulpturales Gebäude ist und ein visuelles Erlebnis. Da müssen wir viel ambitionierter sein.

Und klassische Kunst?

Kunst muss uns nicht unbedingt körperlich entgegenstehen. Aus der Erfahrung mit der Museumsarbeit heraus würde ich nicht alles „möblieren“, sondern überraschende Zwischenlösungen suchen. Das kann mal ein Graffito sein, aber auch ein musikalischer oder poetischer Beitrag an der Bushaltestelle oder einer Unterführung.

Welche Rolle werden die Museen in den 2020er Jahren spielen?

Kunst wirkt primär im Original, und das wird auch immer so sein. Wenn man in der Johanniterkirche von Würth in Schwäbisch Hall die Hohlbein-Madonna sieht – das ist eine wunderbare Inszenierung. Diese Aura zu spüren, die Proportionen: Das wird sich nie in einem virtuellen Rundgang nachempfinden lassen. Aber wir sind dennoch gefordert, methodisch vorne dran zu bleiben. Für die Vermittlung der Kunst müssen wir die komplette Klaviatur spielen. Wir müssen die Dinge zum Sprechen bringen – für unterschiedlichste Zielgruppen. Wenn wir einen kulturellen Kontext herstellen, dann können wir auch unsere archäologische Sammlung oder das Thema Ernährung neu erleben. Die kulturpolitische Herausforderung ist, das städtische Angebot besser zu bündeln und kulturelle Bildung aus einer Hand anzubieten und diese Angebote auch in das Umland zu verteilen.

Manfred Stockburger
  

INFO


Heilbronn
49.140838
9.217298

Dr. Marc Gundel ist seit dem Jahr 2004 Direktor der Städtischen Museen Heilbronn. Er stammt aus der Schillerstadt Marbach und hat Kunstgeschichte und Germanistik studiert.