Das Einfamilienhaus ist nicht die Zukunft

Flächenverbrauch, Klimawandel, Soziales miteinander: Mit dem Stadtquartier Neckarbogen geht Heilbronn neue Wege

Eingebettet in grüne Infrastruktur steht die dichte Bebauung im Heilbronner Neckarbogenfür den Städtebau der Zukunft. FOTO: Buga
Eingebettet in grüne Infrastruktur steht die dichte Bebauung im Heilbronner Neckarbogen
für den Städtebau der Zukunft. FOTO: Buga
Wenn Buga-Geschäftsführer Hanspeter Faas Besucher über das Gartenschaugelände und die Stadtausstellung führte, nutzte er die Gelegenheit oft, um den Flächenverbrauch in Deutschland anschaulich zu machen: 200 Quadratkilometer werden pro Jahr hierzulande überbaut, eine Fläche so groß wie die sechs größten bayrischen Seen. Der Neckarbogen soll der Gegenentwurf zum flächenfressenden Einfamilienhaus sein: verdichtetes, flächensparendes Bauen in einer Stadt der kurzen Wege.

Heilbronn hat mit dem zur Buga realisierten ersten Bauabschnitt und den 22 Gebäuden Maßstäbe gesetzt. Noch selten wurde ein Stadtentwicklungsprozess mit so viel Aufmerksamkeit verfolgt. Hunderte Stadtplaner, Architekten und Landschaftsarchitekten pilgerten während der Buga zum neuen Quartier. Heilbronn stand im Fokus der überregionalen Presse. Das Fernsehen berichtete im Rahmen der Buga vor allem darüber, was den Heilbronner Neckarbogen so besonders und vor allem so zukunftsweisend macht.

Zunächst ist es die Freiraumplanung, die neue Maßstäbe gesetzt hat. Neckar und Flussufer sind wiederentdeckt und nutzbar. Die nach der Buga bleibenden Flächen von Neckaruferpark, Hafenpark und Seen stehen für einen „ernsthaften wie spielerischen Umgang mit knappen Ressourcen“, heißt es beim Berliner Landschaftsarchitekturbüro Sinai, zuständig für die Planung.

Das Projekt zeige angesichts des anhaltenden Flächenverbrauchs, des Artensterbens und des Klimawandels, „was Landschaft in kompakten Städten ’kann’“. Die neuen Flächen erfüllen verschiedene Funktionen, sie sind Freizeitpark, Naturraum, Lärmschutzwall und Spielfläche. Der Niederschlag von Straßen und Gebäuden wird in den beiden Seen gespeichert, das entlastet bei Starkregen die Kanalisation. Bei Trockenheit können mit dem Wasser der Seen Straßenbäume und Grünflächen bewässert werden.

In der Autostadt Heilbronn ist zudem ein Stück Bundesstraße verschwunden: Der Rückbau der Kalistraße und die Verlegung der Verkehrsströme waren das Schlüsselprojekt für das neue Quartier, denn ursprünglich sollte die Kalistraße beibehalten werden. Unvorstellbar, dass dort heute noch der Verkehr rollen würde. Der Weg am Neckarufer mit den terrassierten Grünflächen ist inzwischen ein beliebter Spazierweg. Zum ersten Mal gibt es eine durchgängige Verbindung für Fußgänger und Radfahrer von der Innenstadt ins Wohlgelegen.

Bundesweite Aufmerksamkeit hat der erste Bauabschnitt des Neckarbogens auch deshalb bekommen, weil dort beispielhafte Mehrfamilienhäuser entstanden sind: auch mit gefördertem Wohnraum und Inklusionsprojekten. Dichtes Bauen, soziale Belange und hochwertige Architektur müssen sich nicht ausschließen. Gute Gestaltung ist ein Baustein für den Städtebau der Zukunft – und Voraussetzung für die Akzeptanz.

Mit der Konzeptvergabe und dem Investorenauswahlverfahren für die ersten drei Baufelder des Neckarbogens hat Heilbronn einen neuen Weg beschritten. Grundstücke wurden nicht nach Höchstpreis, sondern nach Konzept vergeben. Dieses Prinzip wird auch bei der Weiterbebauung angewendet werden, eine Baukommission soll den Prozess begleiten. Ab 2021 werden weitere Wohngebäude entstehen. Der Plan der Verwaltung sieht vor, dass bis 2026 die Bebauung des Quartiers abgeschlossen ist.

Ein Blick ins Jahr 2027: 3500 Menschen aus allen sozialen Schichten wohnen im Neckarbogen, Arme und Reiche, Junge und Alte, Menschen mit und ohne Handicap, Familien und Singles. Die Gebäude haben eine hohe Qualität und bieten eine architektonische Vielfalt. Innovationen bei Energie- und Haustechnik sind zum Einsatz gekommen. Es gibt Eigentumswohnungen sowie Mietwohnungen in allen Preissegmenten. Einige Gebäude sind von Baugruppen errichtet.

Weil man, wie schon bei ersten Buga-Häusern, weiterhin auf exklusive Penthousewohnungen verzichtet hat, sind die gemeinschaftlich genutzten Dachterrassen ein Highlight für alle Bewohner. Wer noch ein eigenes Auto besitzt, parkt es in einer der Quartiersgaragen. Viele Menschen sind in dem lebendigen Viertel zu Fuß unterwegs und nutzen die Angebote in den Erdgeschossflächen. Ein Gewerbeflächenmanagement sorgt für einen Mix aus kleinen Geschäften, Handwerksbetrieben und Gastronomie. Heilbronn ist weiterhin das Mekka für alle, die sich von einer Stadtentwicklung überzeugen wollen, die für Menschen ein lebenswertes Umfeld schafft.

Bärbel Kistner
  

INFO


Heilbronn
49.146797
9.210897

Das neue Stadtquartier Neckarbogen bietet Platz für 3500 Bewohner.