Auf der Suche nach dem Iphone des Handels

Die Ideen, die im Bad Friedrichshaller Schwarz-Campus entwickelt Werden sollen, Werden über die Zukunft von Lidl und Kaufland entscheiden

Architektonisch ist der Lidl-Campus in Bad Wimpfen Vorbild für das Projekt in Friedrichshall. Der zweite Schwarz-Campus wird aber deutlich größer. FOTO: Matthias Bitsch
Architektonisch ist der Lidl-Campus in Bad Wimpfen Vorbild für das Projekt in Friedrichshall. Der zweite Schwarz-Campus wird aber deutlich größer. FOTO: Matthias Bitsch
Es ist der 1. März 2033. Auf dem Weg nach Hause von der Arbeit fährt das Auto zum nächsten Supermarkt. In Absprache mit dem Kühlschrank und nach einem Blick in den Kalender, in dem eine Dinnerparty vermerkt ist, hat das Auto einen Einkaufszettel zusammengestellt, den der junge Ingenieur per Sprachsteuerung bestätigt und um Überraschungsblumen für den Partner ergänzt hat. Der junge Mann muss die Filiale gar nicht mehr betreten, seine Bestellung liegt abholbereit am Schalter – ergänzt um einige Angebote, von denen das System weiß, dass der Kunde sie gerne mag. Die Ess- und Lebensgewohnheiten hat Lidlane, die persönliche Digitalassistentin der Handelskette, im Lauf der Zeit kennengelernt. Zwei passende Schnäppchen hat sie auch noch in die Box gelegt – die Party kann beginnen.

Sieht so das Einkaufen im nächsten Jahrzehnt aus? Wer weiß. Der Neckarsulmer Künstliche-Intelligenz-Experte Sven Körner von der Firma ThingsThinking hält solche Szenarien durchaus für denkbar. „Die wirklich spannenden Themen sind die, die wir noch gar nicht auf dem Schirm haben“, sagt er. IT-Experten kennen sich schließlich nicht unbedingt in der Welt des Handels aus, und Händler wissen nicht unbedingt, an welcher Stelle IT mit den Technologien aus der Welt von Big Data und KI Probleme lösen können, die die Praktiker vielleicht noch gar nicht erkannt haben. Für Sven Körner, der seine Thesen dieser Tage bei der DHBW Heilbronn vorgetragen hat, ist der Bau solcher Brücken die Kernaufgabe für die Zukunft der Branche. „Sonst kommen die Ideen, die hier in der Grundlagenforschung entwickelt werden, in ein paar Jahren wieder zurück zu uns – als Anwendungen von Google oder Amazon.“

IT und Praxis, diese beiden Welten zusammenzubringen, ist das Ziel des Schwarz-Projektcampus, der in den kommenden Jahren auf der Höhe zwischen Bad Friedrichshall und Neckarsulm entstehen wird. Praktiker aus den verschiedensten Bereichen der Schwarz-Gruppe und IT-Experten sollen dort in Projektteams zusammenarbeiten und so die Zukunft des Handels gestalten. Denn noch hält der Burggraben, den die stationären Händler mit ihren Filialnetzen und der ausgeklügelten Logistik gegen reine Onlineanbieter im Lebensmittelbereich haben. Aber wie lange noch?

Der chinesische Online-Marktplatzbetreiber Alibaba hat im November an einem einzigen Aktionstag ein Drittel des Umsatzvolumens abgewickelt, das die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland in einem Jahr schafft: etwa 38 Milliarden Dollar. Das Auto mag auch Alibaba noch nicht neu erfunden haben – aber immerhin ist das Unternehmen am chinesischen E-Auto-Hersteller Xpeng beteiligt, der chinesische Plattformwettbewerber Tencent hält eine Beteiligung an Tesla. Und Alime, der digitale Assistent der Alibaba- Welt, der während Live-Übertragungen im Plauderton automatisiert Fragen beantworten und die Informationen auch aus Bildern ziehen kann, ist nicht nur in den Onlineshops des Unternehmens unterwegs, sondern auch im Auto. BMW, Daimler und Audi arbeiten mit der Software, mit der Alibaba das Auto zum Teil des Smart Home machen möchte. Wenn in den kommenden Monaten in der Oberen Fundel bei Bad Friedrichshall die Bagger rollen, geht es um solche Themen. Und um die Zukunft der Schwarz-Gruppe.

Wie ernst die Neckarsulmer das Thema nehmen, wird auch durch die Beteiligung am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) deutlich, die die Gruppe als erster Händler im Herbst eingegangen ist. Lidl und Kaufland erwarten sich davon praxisrelevante Impulse für die Digitalisierung. Am Ende geht es darum, Betriebsabläufe zu verbessern und das stationäre Handelsgeschäft zu unterstützen. Bei Sprachassistenzsystemen und in der Robotik gab es schon in der Vergangenheit gemeinsame Projekte.

Dass die Schwarz-Gruppe seit längerem an einer Cloud arbeitet, über die neben den internen Anwendungen auch Mittelständern das Know-how der 3000 IT-Mitarbeiter der Gruppe angeboten werden soll, ist kein Geheimnis. Aktuell befindet sich Stack IT, wie das Produkt heißt, in der Testphase. Als Pate kann hier Amazon dienen: Mit AWS–Amazon Web Services – setzt der US-Händler mittlerweile mehr als 30 Milliarden US-Dollar im Jahr um. Mit IT-Lösungen, die quasi Nebenprodukte der eigenen Datenverarbeitung sind.

Noch ist die Obere Fundel wie ein weißes Blatt Papier, viel mehr als die Erschließung des Geländes wird auch in den kommenden Monaten nicht sichtbar werden. Aber was dort entstehen wird, ist in den Köpfen der Schwarz-Gruppe schon mehr als eine fixe Idee: Dort – und nirgendwo anders – wird die Ideenfabrik gebaut, die die Schwarz-Gruppe in den nächsten Jahrzehnten mithalten lassen soll mit den Amazons und Alibabas der Handelswelt. Architektonisch dient der Lidl-Campus in Bad Wimpfen, den die Mitarbeiter der Deutschlandzentrale im zweiten Halbjahr beziehen werden, als Vorbild. Nur, dass in Bad Wimpfen Platz für 1500 Beschäftigte geplant ist, in Bad Friedrichshall sollen es 5000 Arbeitsplätze werden. Also mindestens zwei Nummern größer.

Wenn das Auto am 1. März 2033 seinen Fahrer auf dem Nachhauseweg zu Lidl oder Kaufland bringt und nicht zu irgendeinem Wettbewerber, dann werden die Ideen dafür im Projektcampus Bad Friedrichshall entwickelt worden sein. Das klingt wie Science Fiction? Der 1. März 2033 ist vom heutigen Tag genauso weit entfernt wie die Vorstellung des ersten iPhones am 9. Januar 2007. Das „Multitalent für die Hosentasche“ war der Stimme damals nur einen kleinen Artikel wert. Ein halbes Jahr später war es schon „sexy, dünn wie ein langbeiniges Model“ und lehrte die Konkurrenz das Fürchten. „Zyniker sagen, das Außergewöhnlichste an diesem Handy sei der hohe Preis von mindestens 370 Euro“, kommentierte die Stimme damals. Dass der „kleine Computer fürs Internet“ heute den Alltag und das Einkaufsverhalten von Milliarden Menschen bestimmen würde, war genauso unvorstellbar wie die Tatsache, dass es heute für 370 Euro kaum noch ein gebrauchtes iPhone gibt.

Manfred Stockburger
  

INFO


Bad Friedrichshall
49.215633
9.218771

Im Flächennutzungsplan war die Obere Fundel südlich von Kochendorf schon länger als Industriegebiet vorgesehen – eigentlich als Erweiterungsfläche für Audi. Dass in Bad Friedrichshall jetzt die Schwarz-Gruppe baut, war eine im wahrsten Sinne des Wortes große Überraschung. Aber es passt ins Bild: Lidl und Kaufland entwickeln sich immer mehr zu den Leitunternehmen der einst vom Automobilbau geprägten Region.

Guten Tag, Zukunft

Auf der Suche nach dem Iphone des Handels Image 1
Es gibt gute Gründe, sich Sorgen zu machen um die Zukunft: Der Klimawandel wird langsam aber sicher auch in der Region spürbar, die Automobilwirtschaft ist im Umbruch und auch in der Politik gibt es große Verwerfungen. Man kann deswegen den Kopf in den Sand stecken und in Depressionen verfallen – oder man kann einen neuen Blickwinkel suchen.

Neue Perspektiven eröffnen, genau das möchte diese Beilage Zukunft.Hier. Und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Augen öffnen für besondere Orte in der Region, an denen in den verschiedensten Bereichen ganz unterschiedliche Menschen die Zukunft aktiv gestalten. Mit Beton, aber vor allem mit viel Grips – Angst vor der Zukunft ist nämlich kein guter Berater. Es geht vielmehr darum, das Beste aus Herausforderungen zu machen und zu schauen, wie man sich selbst in einer schwierigen Lage am besten positionieren kann.

Zukunftsträchtige Projekte gibt es jede Menge in der Region Heilbronn-Franken. Mehr jedenfalls, als in dieser Beilage Platz ist. Deswegen werden in den kommenden Wochen in der Tageszeitung und auf Stimme.de weitere Zukunftsessays erscheinen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre

Auf der Suche nach dem Iphone des Handels Image 2
Manfred Stockburger
Chefkorrespondent Wirtschaft